KG Spass am Karneval

Herrensitzung 2020

Auf der Herrensitzung in Overath gehen zwei Ären zu Ende

Die Jacken der Herren sind klamm, als sie sie an diesem Samstagnachmittag an der Garderobe bei den ehrenamtlichen Helfern abgeben. Draußen regnet es schon seit Stunden, aber in der Aula des Overather Schulzentrums, in der in wenigen Minuten die Herrensitzung der KG Spass am Karneval beginnt, wird es langsam warm. Im Foyer riecht es nach Siedewürstchen und frisch gezapftem Bier. 500 Männer stimmen sich bei gedämpfter Karnevalsmusik darauf ein, in den nächsten fünf Stunden von bekannten kölschen Bands, erstklassigen Tanzgruppen und Starrednern unterhalten zu werden.

Es ist fast 15:00 Uhr, als Prinz Philipp (Haag) und Prinzessin Jasmina (König) langsam aus dem Backstage-Bereich ins Foyer kommen. Von hier aus werden sie in ein paar Minuten in die Aula einmarschieren. Die 22-jährige Prinzessin reibt sich ihre Hände und der ein Jahr ältere Prinz zupft an seinen weißen Handschuhen, als Pagin Christel das Wort an das Prinzenpaar richtet: „Das ist der drittletzte große Einzug in diese Aula, Kinder! Genießt es!“

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Foto: KG Spass am Karneval

Aber nicht nur für das Prinzenpaar ist diese Herrensitzung eine Sitzung, die sie ganz besonders genießen müssen. Denn für drei Männer geht heute eine Ära zu Ende.

Einer dieser Männer ist Sitzungspräsident Gereon Kohlgrüber. Der Karnevalist steht heute zum letzten Mal im weißen Jackett auf der Bühne. Über seinem Sakko trägt er heute eine blaue Schärpe, die daran erinnert, dass er stolze 25 Jahre im Amt war. Heute wird er zum letzten Mal eine Overather Sitzung eröffnen. Er wird zum letzten Mal kölsche Künstler auf seiner Bühne willkommen heißen, um sie nach ihrem Auftritt mit den Worten „tschüss zosamme“ zu verabschieden. Denn er möchte sein Amt niederlegen, um für jüngere Nachfolger Platz zu machen. 

Die anderen beiden Männer heißen Manfred Pütz und Herbert Kümmeler. Seit 25 Jahren sitzen die beiden Musiker auf jeder Sitzung der KG Spass am Karneval direkt hinter den Thronen der Tollitäten. Manfreds Finger lagen dabei stets auf den Tasten seines Keybords, während Herbert seine Drumsticks in den Händen hielt. Auf sämtlichen Sitzungen haben die Osborne Boys jeden Tusch gespielt, jede Ordensübergabe musikalisch untermalt und jede Pause mit Karnevalssongs gefüllt. Nun machen sie Platz für neue Musiker.

Der erste Künstler, der an diesem Nachmittag von Gereon anmoderiert wird und zu den Tönen der Osborne Boys auf die Bühne marschieren darf, ist Bauchredner Klaus mit seiner Handpuppe Willi. Die Overather Herren merken schnell – wenn Klaus in seinem Element ist, ist es nicht ratsam, von seinem Platz aufzustehen und direkt vor der Bühne herzulaufen. „Ich bin doch auch nicht gegangen, als ich dich gesehen habe“, ruft er einem jecken Herrn, der vermutlich nur kurz aufs Klo möchte, scherzhaft hinterher.

Eine Stunde später kommt allerdings niemand mehr auf die Idee, aufs stille Örtchen zu verschwinden. Nachdem die Veedelsjunge die Overather Herren mit diversen kölschen Covern gekonnt zum Schunkeln und Mitsingen animiert haben, machen sich die Palm Beach Girls für ihren Auftritt bereit. Über 20 Showgirls in knappen schwarzen Bodys, Netzstrumpfhosen und roten Paillettenfräcken verrenken sich nun unter dem Motto „Cabaret“ auf der Bühne. 500 dankbar dreinschauende Männeraugenpaare belohnen jede Hebefigur, jeden lasziven Tanzschritt und jeden Spagat. Wenn ein Kellner die Sicht versperrt, wird dieser ungeduldig weggescheucht.

Auch wenn Komiker Guido Cantz in seinem roten Anzug und seinem Schlangenlederschuhen mindestens so spektakulär gekleidet ist, wie die Palm Beach Girls, ist den jecken Herren freie Sicht hier nicht ganz so wichtig. Zuhören macht jetzt ja ohnehin mehr Sinn, als hinschauen.

Das gilt nicht unbedingt für die Band, die nach Guido Cantz die Bühne betritt. Denn wer sich den Auftritt von Kasalla nicht ansieht, verpasst, wie Bassist Sebastian Wagner es schafft, sich links und rechts bei jeweils einem Overather Elferrat einzuhaken, um gemeinsam mit ihm zu schunkeln, während er parallel die Saiten seines Instruments zupft.

Foto: KG Spass am Karneval

Mittlerweile läuft die Sitzung seit fast drei Stunden. Der Pegel der Herren steigt – genau die richtige Auftrittszeit für Büttenredner Volker Weiniger. Denn zumindest tut der so, als sei er mindestens so betrunken, wie die Männer im Publikum, rülpst ungeniert ins Mikrofon und erklärt lallend, wie ein „Schlebuscher Schädelsprenger“ zubereitet wird (für Interessierte: Ein Rollmops im Weizenglas, aufgegossen mit Stroh-Rum, Doppelwacholder, Absinth, Tabasco, zwei Esslöffel Terpentin und obendrauf ein brennender China-Böller).

Inspiriert und sich verstanden gefühlt, genießen die Overather Herren nun noch die Darbietung des Tanzcorps Blau-Weiß-Vilkerath, bis sie sich schließlich zu den Tönen der „Ratsherren Unkel“ seelig singend in den Armen liegen. Ohne es zu wissen, beendet die Blasmusikboygroup ihren Auftritt mit dem Lied, mit dem eigentlich traditionell jede Sitzung der KG Spass am Karneval beendet wird – mit „Unser Stammbaum“ von dem Black Fööss.

So bleibt Sitzungspräsident Gereon Kohlgrüber und den Osborne Boys nichts anderes übrig, als am Ende ihrer letzten Sitzung zu improvisieren. Nachdem Gereon sein weißes Jackett abgelegt und ein paar finale Worte an sein Publikum gerichtet hat, wünscht er sich von Keyboarder Manfred Pütz und Drummer Herbert Kümmeler zum ersten Mal ein anderes Schlusslied. Das Lieblingslied seines Vaters. Und so geht diese besondere Sitzung der KG Spass am Karneval mit einem Gefühl von Zusammenhalt, etwas Wehmut und den Zeilen von „En unserem Veedel“ zu Ende.

Foto: KG Spass am Karneval